Kein Recht auf freie Sicht

Artikel in der HNA, Ausgabe Fritzlar-Homberg vom 01.07.20, Seite 3

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Gudensberg – Die Entscheidung über das Neubaugebiet Gudensberg-Süd ist gefallen und doch reißt die Kritik daran nicht ab. Das hat Lea, Kira und Dr. Edgar Franke auf den Plan gerufen. Sie machen zwar keine Freudensprünge, finden es aber dennoch gut, dass in Gudensberg neue Bauplätze entstehen. Auch wenn das für sie als direkte Anwohner bedeutet, dass auf den Feldern, die gleich an ihr Grundstück grenzen, bald die Bagger anrollen und 30 Häuser gebaut werden. Dann ist es für sie vorbei mit der schönen unverbauten Sicht auf Felder, Wiesen und Bäume.

Doch für die Frankes steht fest: „Man kann doch nicht nur an sich denken. Es ist wichtig, dass es die Möglichkeit gibt, in Gudensberg zu bauen und auch, dass bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird“, sagt Lea Franke bestimmt.

Die 22-Jährige betont, dass sie sich lange mit den Argumenten der Gegner des Neubaugebietes beschäftigt habe und deutet auf Lagepläne, Gutachten und mehr, die vor ihr ausgebreitet liegen. Es sei gut, wenn für das Biotop etwas mehr Platz gelassen werde, aber sonst handele es sich bei den Feldern, die bebaut werden sollen, um Monokulturen. Natürlich sei auch landwirtschaftliche Fläche wichtig, doch habe sie was Natur- und Artenschutz betreffe, deshalb keine Bedenken.

Besonders gut finden es Kira und Lea Franke, dass die Bauplätze nach einem Punktekatalog vergeben werden, der Menschen, die in Gudensberg leben, arbeiten und sich dort engagieren, bevorzugt. „Das sind soziale Kriterien, die wichtig sind, damit sich auch ein gutes Zusammenleben entwickelt“, sagt sie. Und: So würden nicht nur Pendler nach Gudensberg ziehen, die dort auf günstigeres Bauland als im nahen Kassel spekulierten.

Denn solch eine Entwicklung könnte dazu führen, dass im Ort die Stimmung kippt. Ebenso, wenn bei der Planung des nächsten Bauabschnitts zu schnell vorgegangen werde, befürchten die Frankes. „Es sollte eine nachhaltige Entwicklung sein“, sagt Dr. Edgar Franke.

Er war vor Frank Börner, der seit zehn Jahren im Amt ist, Bürgermeister von Gudensberg. „Normalerweise äußere ich mich nicht zu lokalpolitischen Themen hier und es kostet mich ehrlich Überwindung“, sagt der SPD-Bundespolitiker. Doch seine Töchter hätten ihn dazu aufgefordert, sich mit ihnen zu positionieren.

Gerade als direkte Anwohner seien die drei – ihnen gehört das Haus gemeinsam – betroffen. Trotzdem seien sie für das Neubaugebiet. „Es wäre doch nicht in Ordnung, wenn man unter dem Deckmantel des Allgemeinwohls persönliche Interessen vertreten würde“, sagt Edgar Franke. Vor allem bedeute im Falle des Baugebiets Gudensberg-Süd das Allgemeinwohl auch, dass man eine Lösung für viele jungen Familien anbietet, die in der Stadt bauen wollen. Und Franke erinnert sich noch gut daran, dass schon vor seiner Bürgermeisterzeit, als Paul Dinges der Chef im Rathaus war, bei dem Gebiet zwischen Gudensberg, Maden und Obervorschütz die Rede vom „Magischen Dreieck“ war. „Wir wussten immer, dass das Gebiet zusammenwachsen wird. Nicht vollständig, aber eben enger“, sagt Edgar Franke, der vor 22 Jahren sein Haus baute und seitdem die schöne Aussicht in die Natur genoss. „Niemand hat das Recht auf einen lebenslang unverbauten Blick. Joggen und Spaziergänge werden auch weiter möglich sein, die Wege bleiben weitgehend erhalten“, sagt Lea Franke, die gerade in München Wirtschaftsinformatik studiert, aber regelmäßig nach Hause kommt. Auch der Verkehr werde im bestehenden Wohngebiet nicht stark steigen, Gudensberg-Süd erhalte eine eigene Zufahrtsstraße.

„Es ist in unserem Wohngebiet auch noch schön, wenn andere Häuser dort gebaut werden. Ich weiß nicht, wovor die Menschen Angst haben, die gegen die Bebauung sind“, sagt Abiturientin Kira Franke. Und ihre Schwester betont, dass es Ausgleichsflächen geben werde.

Quellenangabe: Fritzlar-Homberger Allgemeine vom 02.07.2020, Seite 3

Bild: Ausriss aus der HNA vom 01.07.20.

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